Von 15. Februar 2005 Weiterlesen →

Heruntergeregelte Hundeohren

Eine der drei Kulturen ist er selbst: John Brockman ediert „Die Neuen Humanisten“

Die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts besteht aus drei Kulturen. Die erste Kultur sind die Geisteswissenschaften, die zweite die Naturwissenschaften. Und die dritte Kultur? Die heißt John Brockman.

Seit den neunziger Jahren betreut der New Yorker Literaturagent John Brockman die Bücher von Physikern, Genforschern und Computerwissenschaftlern und vermarktet sie wie Popstars. 1991 prägte er in seinem gleichnamigen Essay den Begriff Die dritte Kultur, der die Texte seiner Autoren, fast alle Professoren an amerikanischen Elite-Universitäten wie Harvard, Yale oder MIT, in einer griffigen Vision zusammenfasst: Die aktuelle Forschung, vor allem im Bereich der Gen- und Computertechnik, werde der Naturwissenschaft einen allumfassenden Erklärungsanspruch verschaffen, der die Geisteswissenschaften als bloße Begriffsspielereien marginalisiert.

Zwar ist es ein wissenschaftlicher Trend, den Brockman mit seiner Begriffsschöpfung bündelt. Dieser setzte Mitte der sechziger Jahre mit der populärwissenschaftlichen Rezeption von McLuhans Medientheorie und Norbert Wieners Kybernetik ein und manifestierte sich unter anderem im Anspruch, Phänomene wie Geist oder Bewusstsein naturwissenschaftlich erklären zu können. Doch war es vor allem Brockman selbst, der diesen Trend überhaupt erst entstehen ließ.

Bereits Mitte der sechziger Jahre organisierte er, der damals zu einer technologiebegeisterten Avantgarde junger Künstler um John Cage gehörte, das legendäre Expanded Cinema Festival, das als Geburtsstunde der Multimediakunst gilt. Der junge Nam June Paik zeigte dort seine ersten Videoinstallationen. Danach wurde Brockman zu einem viel gefragten Vermittler zwischen Kunst und Wissenschaft, der interdisziplinäre Kongresse für Ingenieure und Künstler organisierte.

All das muss man wissen, wenn man verstehen will, warum die Texte, die Brockman für seine jüngste Veröffentlichung Die Neuen Humanisten herausgegeben hat, sich streckenweise so lesen, als handele es sich um die Protokolle von Drogenexperimenten an Elite-Wissenschaftlern. Mit Leichtigkeit und stilistischer Eleganz fabulieren dort Professoren der angesehensten amerikanischen Universitäten zwar ausgesprochen phantasiereich aber in geradezu frappierender Einseitigkeit und in großen argumentativen Sprüngen über die Zukunft technologischer Entwicklung.

Last mit Kurzweil

Das ist selbst für Provokateure wie Daniel Dennett, Hans Moravec oder Ray Kurzweil, denen man zwar Effekthascherei und Provokation, aber nur schwer argumentative Inkonsistenz vorwerfen kann, ungewöhnlich. Die Lösung zu diesem Rätsel liegt im Vorwort von „Die Neuen Humanisten“ verborgen, in dem Brockman einmal mehr das Ende der Geisteswissenschaften als ernst zu nehmender Disziplin verkündet und seine Klienten aus der Psychologie, Computerwissenschaft und Physik als „neue Humanisten“ ausruft: Der Herausgeber selbst habe sich „die editorische Freiheit“ genommen, die versammelten Texte auf der Grundlage von Interviews in Aufsatzform zu verfassen.

Brockman selbst „ist“ die dritte Kultur. So bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als durch den editorischen Zerrspiegel des technikbegeisterten Herausgebers zwar sehr viel von kuriosen und zugegebenermaßen unterhaltsamen Visionen wie dem Herauf- und Herunterregeln von Hundeohren (Stephen M. Kosslyn), der Lizenz zum Ausdrucken eines Tisches (Jordan B. Pollack), umherfliegenden Cyberbodies (David Gelernter), dem schnellsten Laptop des Universums (David Deutsch) und bewusstseinsverändernden Nanopartikeln (Ray Kurzweil) zu erfahren, aber nur sehr wenig von den möglichen Gefahren einer technologisch dominierten Zukunft.

Bei aller Kritik: Die neuen Humanisten ist eine sehr unterhaltsame und leicht zu lesende Essaysammlung, die zum Weiterlesen und Diskutieren animiert. Die Texte sind Transskriptionen von Interviews und dialogisch ist auch die Art, wie sie sich dem Leser am besten erschließen: in Wechselwirkung mit all den Kritiken, Einwürfen und Bestätigungen, die Brockman am Ende des Buches veröffentlicht hat und die komplett und in noch größerer Auswahl auf seiner Webseite www.edge.com verfügbar sind.

Erschienen in Frankfurter Rundschau am 15. Februar 2005.

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