Von 18. Dezember 2011 Weiterlesen →

Umdenken in den Chefetagen

Beschäftigungsverhältnisse werden immer unsicherer,  neun Prozent aller Arbeitnehmer haben bereits einen Vertrag mit Verfallsdatum. Immer mehr Arbeitgeber versuchen, mit innovativen Konzepten gegenzusteuern

Es ist ein vielleicht zutiefst menschlicher Reflex, in tief greifenden Veränderungen zunächst das Risiko zu sehen: die Gefahr, mühsam Erarbeitetes für einen neuen, ungewissen Weg opfern zu müssen. Ein Beispiel hierfür ist der deutsche Arbeitsmarkt. Die neoliberalen Agenda-Reformen der vergangenen Jahre, so die vorherrschende Sicht der Dinge, hätten zum Aussterben des klassischen „Normalarbeitsverhältnisses“ geführt – mit katastrophalen Folgen für die Arbeitnehmer.

Immer mehr Menschen haben nur noch befristete Verträge, müssen sich als Leiharbeiter verdingen, bekommen nur Minijobs, schlagen sich notgedrungen als Kleinst-Unternehmer oder als Selbstständige ohne Angestellte durch – und natürlich ohne den Schutz der Sozialversicherung. Die unbefristete Stelle –sozialversichert, Vollzeit und ohne Leiharbeitgeber – wird zunehmend seltener. Laut des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ist bereits jede zweite Neueinstellung befristet. Und fast neun Prozent aller Arbeitnehmer haben einen Vertrag mit eingetragenem Verfallsdatum.

In ihrem Buch „Echtleben“, einer aktuellen Bestandsaufnahme der sozialen Folgen einer solchen Flexibilisierung der Arbeitswelt, schreibt die Journalistin Katja Kullmann von einer stetig fortschreitenden Auflösung der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Firmen, so Kullmann, würden die arbeitende Bevölkerung „alleine lassen“ in ihrer neuen Existenz als Ich-AG, Freelancer oder Micropreneur, sich graduell ihrer sozialen und letztlich ökonomischen Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmern entziehen. Etwa, indem Unternehmen fest angestellte Mitarbeiter in eigens gegründete Leiharbeiterfirmen abschieben, um Lohnkosten und Sozialabgaben einzusparen.

Wenn Deutschland gerade tatsächlich ein kleines Wirtschaftswunder erlebt, mit Arbeitslosenzahlen, so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr, mit Steuereinnahmen so hoch wie nie zuvor, mit einer florierenden Exportwirtschaft, die 2011 Waren und Dienstleistungen im Wert von einer Billion Euro ausführen wird, dann geschieht dies um den Preis einer uns vertrauten, sicheren, sozialen Arbeitswelt, so die Meinung vieler Experten. Die mühsam erstrittene Tarifpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und -nehmern wird geopfert zugunsten einer neuen Lebenswirklichkeit, in der zwar immer härter und effizienter gearbeitet, aber auch weniger verdient wird. Und viele scheinen dem immer größer werdenden Druck physisch und psychisch gar nicht gewachsen zu sein. Der stressbedingte Totalzusammenbruch, der Burnout, ist längst zur Volkskrankheit geworden.

Der Trend zu einer wachsenden Zahl unsicherer Beschäftigungsverhältnisse ist klar vorhanden, doch steuern immer mehr Arbeitgeber, deren negativen Folgen aktiv entgegen. Im Widerspruch zum angeblich grassierenden Verlust sozialer Verantwortung engagieren sie sich in wachsendem Umfang für ihre Mitarbeiter und unterstützen sie darin, Privat- und Berufsleben möglichst harmonisch koordinieren zu können. Letztlich auch aus ökonomischen Interessen. Der Gallup Engagement Index 2010 errechnete, dass demotivierte Mitarbeiter die Unternehmen jährlich zwischen 121,8 und 125,7 Milliarden Euro kosten.

Wie ausgereift diese Konzepte schon heute sind, zeigt Ejot, ein Schraubenhersteller aus Bad Berleburg. Das mittelständische Unternehmen hat ein „Konzept zur Entlastung Beschäftigter mit Pflegeverantwortung“ entwickelt. Während flexible Arbeitszeiten, Teilzeitbeschäftigung und Heimarbeit zur Organisation des privaten Alltags bei vielen Firmen schon zum Standard gehören, geht Ejot noch weiter. Ein eigens installiertes regionales Netzwerk soll die Arbeitnehmer zusätzlich entlasten. „Wir sprechen mit den Nachbarn, ob sie mithelfen könnten“, so Personalvorstand Winfried Schwarz. Selbst wer sich entscheidet, aus privaten Gründen eine Auszeit zu nehmen, bleibt intensiv mit der Firma in Kontakt. Alle paar Wochen übernimmt der Beschäftigte in Familienzeit eine Urlaubs- oder Krankheitsvertretung.

Neben innovativen Ansätzen zum Familienmanagement wird zunehmend auch im Bereich der Gesundheitsprävention investiert. Das geht von bewusst vorgenommenen Korrekturen im Bereich der Unternehmenskultur – keine dienstlichen E-Mails und Telefonate am Wochenende – bis hin zu konkreten Angeboten zum Stressmanagement wie Entspannungstechniken, Yoga und Kochkursen. So hat BASF für sein Präventionsprogramm gerade den „Gesundheitspreis 2011“ erhalten.

Verantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen, heißt auch, in ihre Qualifikation zu investieren. Längst haben Firmen erkannt, dass dies ökonomisch sinnvoller ist, als nach ohnehin immer schwieriger zu findenden Fachkräften zu suchen und diese teuer einzuarbeiten. So können sich Mitarbeiter des Süßwarenherstellers Ferrero an anderen Standorten im Ausland kurz- oder auch längerfristig beweisen. Zudem hat der Konzern renommierte Ausbildungsstätten für Partnerschaften akquiriert, darunter die Universität Saint Joseph’s in Philadelphia, an sich jährlich 30 bis 40 erfahrene Vertriebler fortbilden können.

Erschienen in Die Welt am Sonntag am 18. Dezember 2011.

veröffentlicht in : Autor, Die Welt

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