Von 9. September 2005 Weiterlesen →

Das alles bin ich

Douglas Gordon baut sich in Berlin ein Spiegelkabinett

Man fühlt sich sofort wohl in dieser Ausstellung. Dabei sind Entspannung und Behaglichkeit für gewöhnlich das Letzte, was sich einstellt, wenn man den schmalen weißen Ausstellungsraum der Deutschen Guggenheim in Berlin betritt. Hier herrscht in der Regel die kühle Atmosphäre eines Kunst-Labors.

Nicht so in Douglas Gordons Schau „The Vanity of Allegory“. Die Arbeiten von insgesamt 32 Künstlern hat Gordon neben eigenen Werken zu einer Gruppenausstellung zusammengeführt, die das komplexe Genre des künstlerischen Selbstporträts beleuchten soll. Darunter finden sich die ironischen Selbstinszenierungen Marcel Duchamps vor der Linse Man Rays oder die Polaroids des divenartig aufgebrezelten Andy Warhol. Doch es wird schnell klar, dass die Werke auch lesbar sind als Teile eines groß angelegten Porträts, das Gordon von sich selbst angefertigt hat.

Als eine der wichtigsten Stationen dieser aufgepuzzelten Selbstdarstellung, so befindet jedenfalls Douglas Gordon selbst, kann ein Heiligenbild aus dem 15. Jahrhundert gelten, das Bildnis des Heiligen Sebastian von Pietro Perugino. Im Guggenheim hängt ein Fotonachdruck des Originals aus der Eremitage in St. Petersburg. Es sei „das Schönste, was ihm je unter die Augen gekommen ist“, schreibt Gordon. Trotzdem gibt die aggressive und geschmacklose Eigenwerbung des Künstlers Rätsel auf. Soll der Drang des Künstlers, sich im Werk zu verewigen, ausgerechnet im Bildnis eines sterbenden Jünglings seinen Ausdruck finden? Die Sterblichkeit des Künstlers und der verzweifelte Versuch, sie im eigenen Werk zu überwinden, in einem Akt „eitler Allegorie“, beschäftigen Gordon schon länger. Seit 1999 fertigt er jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt und am selben Ort ein Doppelporträt von sich und einem professionell hergestellten Wachsdouble an. In einer Art umgekehrtem Dorian-Gray-Effekt soll das ewig junge wächserne Abbild das Altern des fleischlichen Originals dokumentieren.

Auf einem frühen Selbstporträt von 1996 posiert Gordon unter einer schlecht sitzenden blonden Perücke und mit leerem Blick gleich unter vier verschiedenen Identitäten: der Kurt Cobains, Andy Warhols, Myra Hindleys (der Kindermörderin) und Marilyn Monroes. Überhaupt scheint der Akt der Aneignung von Identität eines der Hauptkriterien Gordons für die Auswahl der übrigen Werke gewesen zu sein. Der schwerkranke Robert Mapplethorpe fotografiert sich kurz vor seinem Aidstod als unerbittlicher Sensenmann, stechend aus der vollkommenen Schwärze des Bildhintergrunds blickend. Marcel Duchamp posiert als weibliches Alter Ego Rrose Selavy mit blonder Perücke. Auf Fotos von Matthew Barney windet sich der Künstler als satyrhaftes Mensch-Tier-Fabelwesen. Jeff Koons ist mit einer Edelstahl-Büste von Louis XIV. vertreten, deren polierter Glanz seine eigene Star-Identität als Künstler reflektiert. Und Damien Hirst lässt sich von seinem Lieblingsmaterial vertreten: einem Wasser – Formaldehyd – Gemisch, abgefüllt in zwei Glasbehältern.

Trotz der Menge an Fotografien und Skulpturen hat Douglas Gordon für den Löwenanteil der Ausstellung mit seinem Lieblingsmedium gearbeitet: dem Film. Berühmt machten ihn seine Wahrnehmungsexperimente mit Hollywoodklassikern wie Hitchcocks „Psycho“ und dem Western „Der Schwarze Falke“, deren Bilderfolge er in extremer Zeitlupe über den Zeitraum von Tagen und Wochen ausdehnte. In „The Vanity of Allegory“ kann man den „Falken“ in Echtzeit zusammen mit einer Auswahl von 23 weiteren Filmen in einem Minikino sichten. Das Programm dokumentiert Gordons Suche nach einem Ausdruck für die kreative und bisweilen monströse Entfaltung menschlicher Identität im Angesicht des Todes: Seien es die Verformungen des Ich durch sexuelle Obsessionen wie bei Bertoluccis „Letztem Tango in Paris“, „Im Reich der Sinne“ von Oshima oder Pasolinis „Teorema“, Dr. Jekylls und Colonel Kurtz’ Sucht nach Grenzüberschreitung oder die Phantasie, durch ungezwungenes Rollenspiel gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen, wie sie bei Godards „Pierrot le fou“ oder Kenneth Angers „Scorpio Rising“ anklingen.

Wer nach einer Stunde Kino die Galerie wieder betritt, kann sich kurz in der komplett verspiegelten Front des Kinos mustern. Ganz okay, denkt man sich, vorteilhaftes Licht. Dann sieht man den hässlichen Riss, der sich quer durch eines der Spiegelsegmente zieht.

Erschienen in Süddeutsche Zeitung am 09. September 2005.

veröffentlicht in : Autor, Kunst, Süddeutsche Zeitung

Kommentare sind geschlossen.