„Digitale Lernprogramme werden zum Alltag gehören“ – Jörg Dräger im Gespräch

1.05.2016

Digitales Lernen führt zu einer Demokratisierung des Wissens, so die zentrale These Jörg Drägers in seinem Buch „Die digitale Bildungsrevolution“. Doch was heißt das konkret? Und warum ist man in Deutschland bislang noch skeptisch?

Herr Dräger, in Ihrem Buch vertreten Sie die Meinung, dass digitale Wissensvermittlung zu einem gerechteren Bildungssystem führt. Wie kann das funktionieren?

In den USA und vielen Schwellenländern haben hohe Kosten und schlechter Zugang zu Bildung den Boom digitaler Alternativen befördert. Viele Menschen können sich weder die Nachhilfestunde noch das Studium an einer Uni leisten. Zahlreiche digitale Lernangebote hingegen sind kostenlos im Netz verfügbar und erreichen jenseits von Hörsaal und Klassenzimmer Millionen Menschen. Auch die wachsende Vielfalt der Lernenden verlangt nach digitalen Lösungen. Durch Software und intelligente Algorithmen lassen sich Aufgaben auf die Fähigkeiten und das Lerntempo jedes Einzelnen zuschneiden. Das bisherige Lehrprinzip – für alle dieselbe Übung zur selben Zeit am selben Ort – hat dann ausgedient. Dank Digitalisierung erhalten gerade die bisher Abgehängten mehr Chancen.

Als Beleg für Ihre Demokratisierungs-These spielen frei zugängliche Online-Kurse, sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses), eine wichtige Rolle. Warum gehen Sie nicht auf die Kritik ein, die es inzwischen an diesem Format gibt? Die Abbrecherzahlen sind hoch und längst nicht alle Plattformen sind frei zugänglich.

MOOCs sind nur ein erster Schritt. Sie ermöglichen massenhaften Zugang, aber personalisieren das Lernen noch zu wenig. Es stimmt, noch sind die Abbrecherzahlen hoch. Aber wenn 160.000 Menschen einen Stanford Kurs in Künstlicher Intelligenz beginnen und 23.000 abschließen, dann sind das immer noch viel mehr Studenten, als ein Professor in seiner gesamten Karriere in herkömmlichen Vorlesungen erreichen könnte.

Deutsche Skepsis

In Deutschland ist von einer digitalen Bildungsrevolution noch wenig zu spüren. Viele Lehrkräfte stehen dem Einsatz von Digitaltechnik im Unterricht eher skeptisch gegenüber. Können Sie das nachvollziehen?

Ein Großteil der deutschen Lehrerschaft ist noch der Meinung, digitales Lernen würde zu einer zusätzlichen Belastung führen. Zu dieser Einschätzung kann man kommen, wenn man digitale Bildung auf iPads und Smartboards reduziert. Dabei ist völlig klar: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch pädagogisch sinnvoll. Aber man kann Digitaltechnik eben auch so einsetzen, dass sie Lehrer entlastet statt belastet: zum Beispiel bei der individuellen Förderung von Schülern in großen, heterogenen Klassen. Oder bei der Betreuung von Studenten an zunehmend überfüllten Universitäten.

Weil individuelle Förderung dort gar nicht mehr möglich ist?

Mit einer kleinen Gruppe kann ein Pädagoge optimal auf die Bedürfnisse seiner Schützlings eingehen. Ein Lehrer in einer Klasse mit 30 Kindern hat es schon schwerer, in Schwellenländern mit häufig 50 Kindern in einer Klasse ist das kaum noch zu leisten. Und ein Professor mit 250 Studierenden im Hörsaal kann seine Vorlesung nicht mehr personalisieren. Jeder einzelne Schüler und Student bringt aber unterschiedliche Fähigkeiten und Kenntnisstände mit. Das stellt die Lehrenden vor erhebliche Herausforderungen: Warten sie, bis die meisten den Stoff verstanden haben? Dann langweilen sich andere und der Anspruch leidet. Oder machen sie einfach weiter und überfordern viele?

Welche Möglichkeiten bietet hier Digitaltechnik?

An einigen US-amerikanischen Schulen arbeitet man schon heute mit individuellen Lehrplänen, die ein Computer für jeden Schüler täglich neu errechnet. Und Hochschulen setzten Software ein, um jedem Studenten die Vorlesungen zu empfehlen, die seine Interessen und Fähigkeiten treffen – und bei denen er eine realistische Chance hat, diese auch zu bestehen. Damit bekommen Lehrer und Professoren eine neue Rolle, werden von Wissensvermittlern zu Lernbegleitern. Sie überlassen die Vermittlung von Standardwissen dem Computer und haben mehr Zeit fürs Wesentliche: die persönliche Betreuung der Schüler.

Mehr als bloße Anwendung

Trotz allem gibt es Erfahrungswerte, die belegen, dass manche Schüler mit digitalen Hilfsmitteln eher schlechter als besser lernen. In Ihrem Buch spielt diese Debatte kaum eine Rolle. Warum?

Die Mischung macht es. Weder rein analoges noch rein digitales Lernen führt zu optimalen Ergebnissen. Wir sollten die digitale Bildung nicht gegen die analoge ausspielen, sondern beide Welten sinnvoll miteinander verbinden.

Könnte man vielleicht sagen, als Vorstand einer Stiftung, die massiv in den Bereich digitale Bildung investiert, haben Sie einen etwas pragmatischeren Zugang zu neuen Technologien als viele Skeptiker?

Uns als Stiftung interessiert vor allem, wie wir eine möglichst breite Teilhabe der Menschen an unserer Gesellschaft sicherstellen. Steigert e-Voting wirklich die Wahlbeteiligung? Ermöglicht Telemedizin einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung in ländlichen Regionen? Und eben auch: Können digitale Lernangebote Unterricht nachhaltig verbessern? Noch verstehen wir nicht alle langfristigen gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung. Genau deshalb müssen wir diesen Trend untersuchen und erforschen – ignorieren sollten wir ihn nicht.

Wie ist Ihre Prognose für die deutsche Bildungslandschaft?

Prognosen sind immer schwierig. Aber unsere Bildungsinstitutionen werden sich weiter entwickeln. Sie werden mehr individuelle Lernwege anbieten, mehr direktes Feedback beim Lernen geben und häufiger spielerisches Lernen ermöglichen. Der Umgang mit Vielfalt wird selbstverständlicher sein und besser gelingen. Bei all dem werden digitale Lernprogramme und Lernvideos zum Alltag gehören.

Jörg Dräger ist seit 1. Juli 2008 Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung für die Bereiche Bildung, Integration und Demokratie sowie Geschäftsführer des CHE – Centrum für Hochschulentwicklung. Zuletzt erschien sein Buch Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können.

Erschienen auf www.goethe.de im Mai 2016.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2016