Von 1. Juni 2013 Weiterlesen →

Digitale Aufbruchstimmung

Berlin ist elektrisiert vom Start-up-Boom in der Stadt. Ein Hype, der mehr verspricht als er hält? Nein, sagen Experten. Sie sehen tatsächlich immenses Potenzial in der neuen Gründerkultur – und für Berlin bessere Chancen als für das Silicon Valley

Die Pläne sind ehrgeizig. Bis Ende des Jahres will das junge Berliner Unternehmen mit dem schönen Namen 6Wunderkinder den Weltmarkt dominieren. Und Marketingchef Benedikt Lehnert weiß auch, warum das gelingen könnte: „Wir haben ein fantastisches Team. Und wir haben den Standort Berlin.”

Das Produkt, mit dem 6Wunderkinder so erfolgreich ist, heißt Wunderlist. Es ist so etwas wie eine virtuelle To-Do-Liste für Alltag und Beruf. Seit zwei Jahren gibt es das Programm erst, und so einfach die Idee klingen mag: Die User-Zahlen explodieren. Bereits neun Millionen Menschen nutzen die Software auf Smartphone, Tablet und PC. Um des Wachstums Herr zu werden, entschieden die jungen Gründer sich Anfang des Jahres, einen erfahrenen IT-Manager anzuheuern. „Solche Fachkräfte sind extrem begehrt – und zwar weltweit und von den größten Firmen“, sagt Lehnert. Trotzdem habe man es geschafft, einen der Besten der Branche zu rekrutieren. „Chad Fowler ist einer der führenden Software-Entwickler weltweit. Und er liebt Berlin.“

Es herrscht Aufbruchstimmung in der deutschen Hauptstadt. Die Digitale Wirtschaft, eine der größten und dynamischsten Branchen überhaupt, boomt. Junge, stark wachsende Internet-Start-ups stoßen eine Dynamik an, wie man sie bislang nur von wirtschaftsstarken Hotspots wie London kannte. Plötzlich fließt Kapital nach Berlin, immer mehr Financiers sind bereit zu investieren. Seit 2009 habe sich die Summe an Firmenbeteiligungen vervierfacht, gab die Deutsche Kapitalbeteiligungsgesellschaft kürzlich bekannt – aktuell auf 133 Mio. Euro. Und Arbeitsplätze entstehen. Laut aktueller Zahlen der Berliner Investitionsbank über 3000 allein im vergangenen Jahr.

„Berlins IT-Gründerszene hat viel Potenzial“, glaubt auch Simon Schaefer, Partner bei JMES-Investment, einem Risikokapitalgeber, der Firmen mit sogenannten Seed-Investments durch die schwierige Phase nach der Gründung hilft. „Aber das Ökosystem ist auch noch sehr jung und muss sich erst entwickeln“, gibt Schaefer zu bedenken. Ökosystem – so wird jener Kreislauf aus Gründung, Wachstum, Verkauf („Exit“) und Reinvestition genannt, der junge IT-Cluster auf der ganzen Welt antreibt. Je ausgeprägter diese Mechanik ist, desto potenter wird der Standort und desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Szene im internationalen Vergleich bestehen kann und Firmen mit Weltruf entstehen.

Noch liegt London vorn

Doch davon, so Schaefer, sind wir in Berlin noch weit entfernt : „Im Augenblick haben wir noch mehr Aufmerksamkeit als wirkliche Substanz.“ Was die Anzahl der Unternehmensverkäufe angehe, so der Investor weiter, hinke Berlin im internationalen Vergleich, besonders zum großen Konkurrenten London, noch weit hinterher. In London hätten Exits in den letzten zwei Jahren acht Mrd. Euro generiert. Zum Vergleich: Für ganz Deutschland beläuft sich dieser Wert im selben Zeitraum auf gerade einmal 500 Mio. Euro. Auch in internationalen Start-up-Rankings wie dem „Global Start-up Index“ oder dem „Start-up Genome“ rangiert die deutsche Hauptstadt im Augenblick noch auf den hinteren Plätzen.

Um dies zu ändern, setzt Schaefer vor allem auf Synergieeffekte innerhalb der Szene. Für JMES leitet er das Immobilienprojekt „Start-up Factory“, eine modernisierte ehemalige Brauerei im Stadtbezirk Mitte. Auf 8500 Quadratmetern, so der Plan, werden 25 Unternehmen mit insgesamt 600 Mitarbeitern residieren. Darunter sind lokale Start-ups in jeweils unterschiedlichen Entwicklungsstadien, aber auch bereits etablierte Firmen aus dem Ausland. Zu den ersten Mietern zählen Soundcloud, 6Wunderkinder und Mozilla. „Wir wollen der Szene helfen, sich besser zu vernetzen“, sagt Schaefer. Ein Konzept, das auch international überzeugt. Google unterstützt das Projekt mit einer Mio. Euro.

Berlins größtes Potenzial sieht Schaefer im Augenblick vor allem in seiner Beliebtheit bei jungen Kreativen auf der ganzen Welt. „Wir stellen gerade jede Woche einen neuen Mitarbeiter ein“, sagt Ravi Kamran, Geschäftsführer der Trademob GmbH. Die Firma ist europäischer Marktführer für das Bewerben von Smartphone-Apps. Im Augenblick residiert das Unternehmen in einer geräumigen Etage in der Berliner Friedrichstraße. Doch schon jetzt wird der Platz knapp für die bereits mehr als 100 Mitarbeiter. Auch für Kamran ist Berlin der ideale Standort. „Die Stadt übt eine geradezu magische Anziehungskraft auf Talente aus aller Welt aus, und das ist für uns als stark wachsendes Unternehmen natürlichextremwichtig.“ Menschenaus 28 verschiedenen Nationen arbeiten bereits für den Mobile-Advertising-Spezialisten.

Nicht anders ergeht es Wooga, einem Anbieter für Online-Gaming. Mit 200 Mitarbeitern ist Wooga ebenfalls schon ein Schwergewicht in der noch jungen Berliner Szene. Auch Wooga wächst rasant, ist angewiesen auf internationale Spitzenkräfte und findet diese hier in Berlin. „Die Entwicklung von Spielen benötigt starke Programmierkenntnisse und eine kreative Atmosphäre. Dafür findet man in Berlin die idealen Voraussetzungen“, so Geschäftsführer Jens Begemann. „Über die Hälfte unserer Mitarbeiter zieht aus dem Ausland nach Berlin, um für uns zu arbeiten.“

Die Verfügbarkeit von Talenten, sagen manche, sei schlicht ein Effekt der immer noch vergleichsweise billigen Mieten in der deutschen Hauptstadt. Und natürlich spielt der Zugriff auf günstige Gewerbeflächen für die Gründer eine wichtige Rolle. „Wenn schon die Miete einen relevanten Kostenanteil im Business-Plan ausmacht, wird es schwer“, weiß Trademob-Chef Ravi Kamran.Dennoch speist sich die Attraktivität Berlins für die Start-up-Szene aus weit mehr als niedrigen Lebenshaltungsko-sten. „Eine Vielfalt der Sichtachsen – das ist es, was Berlin schon seit langem auszeichnet“, sagt Günter Faltin, Firmenchef, Investor und emeritierter Professor für Entrepreneurship an der FU Berlin.

Vergleich mit dem Silicon Valley

Faltin beobachtet die Start-up-Szene schon seit langem und spart nicht mit Lob für das seiner Meinung nach riesige Potenzial Berlins. „Im Grunde hat der Standort, obwohl das aus heutiger Sicht vielleicht etwas vermessen klingt, größere Chancen, langfristig innovativ zu sein, als aktuelle Hotspots und sogar als das Silicon Valley.“ Wirkliche Innovation, so Faltin, entstünde unter den Bedingungen einer kulturellen Vielfalt, der Toleranz unterschiedlicher Sichtweisen, einer kreativen Mischung aus Wissenschaftsszene und Off-Kultur. „Ich wüsste im Augenblick keine andere Stadt, in der dies so ausgeprägt ist, wie in Berlin.“
Mittlerweile gibt es auch andere Akteure, die den Vergleich Berlins mit dem Silicon Valley nicht mehr scheuen. Allen voran Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Im Rahmen seiner Initiative „Digitale Wirtschaft“ kündigte der Minister schon Ende letzten Jahres an, man wolle sich fortan intensiv um einen Austausch mit dem berühmten HighTech-Cluster bemühen. Auf einer Stippvisite im Valley ließ er sich zur Forderung hinreißen, es wäre nun wohl an der Zeit, so etwas wie ein „deutsches Apple“ erwarten zu dürfen. Im März tourte er mit der Bundeskanzlerin durch Berliner Start-ups. Auch Besuche bei Wooga und Trademob standen auf dem Programm.

Wichtige Impulse durch IKT

Auf dem Kongress „Junge IKT-Wirtschaft“ Ende April, ebenfalls von Röslers Ministerium veranstaltet, brachte der Minister noch einmal die Relevanz der eigentlich nicht klar definierten Branche „Digitale Wirtschaft“ auf den Punkt: IKT-Start-ups, so Rösler, seien gerade deshalb unverzichtbar für einen modernen Wirtschaftsstandort, weil von ihnen aus Impulse in nahezu alle Branchen ausgesandt werden: „Mehr als ein Fünftel der Produktionssteigerung in Deutschland ging in den letzten Jahren allein auf die IKT-Nutzung zurück“, so der Minister.

Seit Neuestem bemühen sich auch große Konzerne, mit der boomenden Start-up-Szene auf Tuchfühlung zu gehen. In sogenannten Inkubatoren werden vielversprechende junge Firmen regelrecht aufgepäppelt und Geschäftsideen zur Marktreife gebracht. Im Unterschied zum klassischen Frühphaseninvestment, der sogenannten Seed-Finanzierung aus privater Hand oder mittels öffentlicher Gelder, stellen Großunternehmen Kapital zur Verfügung und erhalten Anteile an den jungen Firmen.
„Bei uns sind das 10 bis 25 Prozent“, verrät Peter Borchers von hub:raum, dem Inkubator der Deutschen Telekom, gegründet im Mai letzten Jahres und eines der ersten „Corporate Incubator“Programme in der Hauptstadt. Über die Kapitalspritze hinaus erhalten die Firmen ein Paket aus Beratung, Arbeitsplatz und vor allem Zugang zu firmeninternen Marketinginstrumenten. „Wir verstehen uns als Vermittler zwischen zwei noch sehr unterschiedlichen Welten“, so Borchers. Gemeint ist die Konzern-Welt und die Welt der Start-ups.

Der Schulterschluss zwischen Old und New Economy macht Schule. Auch der Medienkonzern ProSiebenSat.1 betreibt mit „Epic Companies“ bereits einen Inkubator, „Project A“ heißt ein weiteres Programm, für das die Otto-Gruppe als Hauptgeldgeber fungiert. Und auch der Handelskonzern Rewe plant, in einen Brutkasten für Start-ups zu investieren, um sich im Bereich E-Commerce besser aufzustellen. Alle drei – natürlich – mit Standort Berlin.

Großkonzerne als Inkubatoren

Spätestens als vor kurzem bekannt wurde, dass sich nun auch Firmen wie Bosch und Daimler an einem Berliner Programm zur Frühförderung von Unternehmen beteiligen, gelten Corporate-Inkubatoren auch für ausländische Beobachter als Zeichen für die zunehmende Reife der Berliner Szene. Man habe jetzt endlich die Ressourcen und die globale Reichweite, wirkliche Innovationen in den Bereichen Vernetzung, Mobilität und Big Data voranzubringen, kommentiert Alex Facet, Geschäftsführer des gesponsorten Inkubators Startupboot-camp, die Entwickung.

Denn Innovation galt bislang nur bedingt als Stärke der Berliner Szene. Berlin war vor allem dafür bekannt, schon erprobte Geschäftsmodelle zu kopieren und unter neuem Namen in die ganze Welt zu exportieren. Eine Praxis, die bis heute sehr gut funktioniert. Der 2008 gegründete Online-Händler Zalando – mit rund 1000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von bereits mehr als einer Mrd. Euro der wohl potenteste Akteur im Start-up-Ökosystem Berlins – ist ein solcher Klon. Vorlage bot der US-Online-Händler Zappos, kopiert und optimiert für den europäischen Markt.

Zalando ist ein Produkt der Firma Rocket Internet, geleitet von den Brüdern Marc, Oliver und Alexander Samwer. Seit 2007 kopiert Rocket Firmen wie am Fließband und exportiert die Geschäftsidee in atemberaubender Geschwindigkeit in die ganze Welt, um sie in den jeweiligen Ländern zur Marktführerschaft aufzubauen. Dann erfolgt der „Exit“: Die Unternehmen werden gewinnbringend an den nächst größeren Konkurrenten verkauft.

Die Samwers haben sich mit dieser Taktik nicht gerade beliebt gemacht. Lange wurde Berlin als „CopyCat-Capital“ belächelt. Dennoch geben viele zu: Ohne Rocket wäre die Berliner Szene bei weitem nicht so gut aufgestellt wie heute. Zwischen 6000 und 10 000 Menschen arbeiten Schätzungen zufolge inzwischen in Berlin in Internetfirmen, die die Samwers mit aufgebaut haben. „Copycat hat auch seine guten Seiten“, sagt Investor Christophe Maire, der schon seit Jahren in Berliner Start-ups investiert. „Berlin wird ernst genommen. Immer mehr US-Firmen, die global expandieren wollen, entscheiden sich für Berlin als Standort.“

Zuwachs durch Hochschulen

Rocket Internet war und ist wichtig für Berlin, das bestätigt auch Simon Schaefer von JMES Investment. Dennoch, die Szene entwickelt sich weiter. „Wir werden in Zukunft hoffentlich immer mehr Firmen erleben, bei denen wirkliche Innovation im Zentrum der Geschäftsidee steht.“ Auch Christophe Maire ist sich sicher: „Mit Firmen wie Soundcloud hat sich Berlin längst von seinem Copycat-Image emanzipiert.“

Starken Zuwachs bekommt die Start-up-Szene auch immer häufiger aus den Berliner Hochschulen – dem Bereich, der traditionell als Stärke der Hauptstadt gilt. „Ich habe in den letzten fünf Monaten so viele Projekte von Ausgründungsinteressierten auf den Tisch gelegt bekommen wie zuvor in fünf Jahren“, sagt Dr. Dirk Dantz, Geschäftsführer der Berliner Patentverwertungsagentur Ipal, die Schutzrechte von Erfindungen aus den Berliner Hochschulen vermarktet. Dantz sieht im Gründerboom eine Riesen-Chance für Berlin. Der Hype sollte aber besser vermarktet werden – nach dem Vorbild der Bostoner Gründer-Schmiede MIT. In den USA würden Studenten mit einer Affinität für Existenzgründungen bevorzugt am Massachusetts Institute of Technology studieren. „So kommt es dann dort eben auch zu einer höheren Zahl von Spin-offs“, so Dantz. Ein solche Stellung könne sich Berlin auch erarbeiten.

Gegenstück zu Copycats

Die Ausgründungen aus den Hochschulen bringen vielfach interessante Technologien mit und sind sozusagen das Gegenstück zu den Copycats. Für Dantz ist das aber – aus Sicht der Stadt – unerheblich. Er verweist auf das Beispiel Zalando, das mit High-Tech wenig zu tun hat. „Das ist ein E-Commerce-Unternehmen, das unglaublich schnell gewachsen ist, sehr viele Arbeitsplätze geschaffen hat und in der Stadt vermutlich schon fest verwurzelt ist. Ein High-Tech-Unternehmen kommt in dieser Zeit vielleicht nur auf 30 Beschäftigte, wird eines Tages verkauft und in einer anderen Stadt fortgeführt.“

Studenten entdecken Wirtschaft

Nichtsdestotrotz freut er sich darüber, dass die junge Generation an den Hochschulen neben der Wissenschaft stärker die kommerzielle Verwertung ihrer Erfindungen im Visier hat. Ein Blick in die universitären Gründerzentren bestätigt diesen Trend. Volker Hofmann, Teamleiter Spin-Off Management der Humboldt-Innovation, ist sehr zufrieden mit den Förderprogrammen für Gründerinnen und Gründer in Berlin, auch an den Hochschulen. „Wir können zudem Anschlussfinanzierung in der Tasche: Anjou Müller-Pering, Marketingchef von uberMetrics stolz darauf sein, wie viel privates Kapital und Bundes- und EU-Mittel die Start-ups mit der Unterstützung der Gründungsförderungen der Berliner Hochschulen akquiriert haben. Die Gelder werden ja wieder direkt in die Berliner Wirtschaft investiert.“

Ein Beispiel ist das junge Unternehmen uberMetrics Technologies, eine Ausgründung der Humboldt Universität aus dem Bereich Bioinformatik. Das Start-up hat ein Software-Tool entwickelt, mit dem der Erfolg von Medienkampagnen im Social Web analysiert werden kann. Über den universitären Support konnte man den High Tech Gründerfonds (HTGF) als Kapitalgeber für die Seed-Finanzierung akquirieren. Nun habe man, so verrät Anjou Müller-Pering, Marketingchef von uberMetrics, bereits die Anschlussfinanzierung in der Tasche. Das süddeutsche Versandhaus Klingel kauft sich mit einem Millionenbetrag in das Unternehmen ein.

Aus dem Umfeld der Freien Universität Berlin stammt die Firma Klickfilm. Das Unternehmen entwickelt und vermarktet eine Software-Technologie für Medienanbieter, die in Filmen enthaltene Inhalte erfasst und mit anderen Internetinformationen verknüpft. Gründer Felix Daub ist einerseits glücklich über die Möglichkeit der universitären Ausgründung. Andererseits sieht er, was die praktische Umsetzung der Förderprogramme angeht, noch Verbesserungspotenzial: „Start-ups funktionieren nach einer eigenen Logik, die leider von vielen Behörden noch nicht verstanden wird.“So könne es nach wie vor passieren, dass Gründungszuschüsse abgelehnt werden, nur weil man kein klassisches Büro vorzuweisen hat. Oder dass sogenannte Anschubfinanzierungen erst nach Monaten bewilligt werden. „Gerade für IT-Start-ups in der Frühphase ist es oft entscheidend, sehr schnell zu wissen, ob man mit Geld rechnen kann“, so Daub.

Start-ups haben keine Lobby

Doch anders als große Unternehmen, die über ihre in der Lobbyarbeit gut aufgestellten Verbände schnell Gehör an den wichtigsten Schaltstellen finden, ist es für Start-ups viel schwieriger, auf ihre Missstände aufmerksam zu machen. „Start-ups haben noch keine große Lobby“, erklärt Daniel-Jan Girl, der im Präsidium der IHK Berlin als Beauftragter für Start-ups zuständig ist. Eine Problematik, die in der Natur der Sache liegt. Gründer müssen sich um ihr Produkt, die Kunden und die Mitarbeiter kümmern, für den Aufbau einer Lobby bleibt keine Zeit. „Zudem ist die Start-up-Szene sehr heterogen, die Herausforderungen sind so unterschiedlich wie die Branchen“, so Girl. Der Unternehmer sieht daher die Industrie- und Handelskammern als natürliche Gesamtinteressenvertretung der Existenzgründer und Jungunternehmen. Für den überwiegenden Teil der Start-ups sei die Kammer der erste Kontakt mit einer Interessenvertretung. Zudem sind die IHKs einflussreich und erfahren im Umgang mit heterogenen Strukturen.

Über die Kammern könnten Start-ups auch schnell in den Kontakt zur etablierten Wirtschaft treten. „Leider gibt es so gut wie keinen Austausch zwischen dem traditionellen Mittelstand und Start-ups. Das sind zwei verschiedene Welten, die sich aber gegenseitig gut tun würden. Schließlich verfolgen beide – mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen – das gleiche Ziel: Wachstum“, meint der IHK-Beauftragte Girl.

Der verbesserte Zugang zu Risikokapital, finanzierbare Mieten, die Möglichkeit, schnell ausländische Fachkräfte anwerben und anmelden zu können, und der Kampf gegen die Bürokratie sind aus Sicht von Girl die wichtigsten Felder für eine Lobbyarbeit zugunsten der Start-ups. Geld fließt zwar immer mehr in die Berliner Szene, aber es reicht noch nicht, um das wachsende Potenzial an Jungunternehmertum ausreichend zu finanzieren – auch wenn Investoren sich zur Hauptstadt bekennen.

Die Zukunft hat begonnen

So hat als einer der ersten Risikokapitalgeber überhaupt die Earlybird Venture Capital GmbH & Co. KG im letzten Jahr ihren Hauptsitz von Hamburg an die Spree verlegt. „Wir haben schon jetzt, nach dem Silicon Valley, die zweitgrößte Gründungsrate der Welt“, sagt Ciaran O’Leary, Partner bei Earlybird. Er ist überzeut: „Berlin steht eine große Zukunft bevor.“

Eine Zukunft, die für viele der Start-ups längst begonnen hat. „Wir sind vermutlich die erste Generation überhaupt, die einen Technologiewandel erlebt und ihn gleichzeitig aktiv mitgestalten kann“, sagt Benedikt Lehnert von 6Wunderkinder. „Das sollten wir nutzen.“

Erschienen in der Berliner Wirtschaft, dem Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin im Juni 2006.

veröffentlicht in : Autor, Berliner Wirtschaft, Digitale Welt

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