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Castorfs Dörfer

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Erschienen in Süddeutsche Zeitung am 29. Juni 2005

Was im Container alles drin steckt: Eine Tagung in Berlin

Alle Dinge haben eine Geschichte. Nicht nur selbst geschnitzte Figürchen, gemeinsam gegossene Eheringe oder halb vergilbte Jugendausgaben von Max Frischs „Homo Faber“. Sondern auch all die ebenso ubiquitären wie billigen und hässlichen Plastikstühle, Möbel oder Taschen. Und obwohl die Story, die ein Norm-Stuhl der Marke „Monoblock“ zu erzählen hätte, könnte man ihn danach fragen, wesentlich langweiliger wäre, als die eines in jugendlicher Verliebtheit gekauften Ramsch-Stückes, ist Erstere es doch, die von der Veränderung unserer Welt berichtet. Von weltweiter Massenproduktion, Normierung, Standardisierung. Kurz, von Globalisierung.

Eine solche Dinggeschichte der Globalisierung zu umreißen, das versuchte das interdisziplinäre Symposium „Welt aus dem Container“ in Berlin, veranstaltet vom Graduiertenkolleg „Codierung von Gewalt“ (Berlin), in Kooperation mit „Mediale Historiographin“ (Weimar).

Der Container ist mehr als nur eine hässliche Eisenbox. Er ist eine Form, die zum Format wurde, wie die Medienwissenschaftler Peter Berz und Alexander Klose in ihrem Eröffnungsvortrag zur „Kulturtechnik des Containers“ betonten: Seine Maße haben einen Raumstandard geschaffen, der in beeindruckender Vielfalt in völlig unterschiedlichen Kontexten funktioniert.

Für den Wiener Volkskundler Konrad Köstlin, der über Behälter als Signets sprach, steht der Container in der Tradition normender, disziplinierender und serieller Behälter wie Fässer und Krüge. Zwar symbolisiert er nicht mehr Dauerhaftigkeit, sondern das Provisorische und Transitorische. Dennoch hinterlassen auch diese schnöden Eisenkisten eine Spur: Entlang der großen Handelsschiffrouten lägen verloren gegangene Schiffscontainer auf dem Meeresgrund, wusste Köstlin zu berichten: Als stoffliche Zeugnisse eine oft nur noch virtuell geglaubten Globalisierung markieren sie die Pfade des internationalen Handels.

Ein globaler Güterverkehr, der trotz seiner Rationalisierung immer noch von bizarren logistischen Problemen heimgesucht wird, wie Ingo Timm, Wirtschaftsinformatiker an der International University Bremen, berichtete. Oft werden wichtige Waren, die aus Zeitdruck an den großen Werften nicht ausgeladen werden können, unter horrenden Kosten per Helikopter aus einzelnen Containern gefischt. In Zukunft sollen die Güter sich über Funkchips selbstständig melden und auf ihre Verladung dringen. Auch zwischen den Produkten ist eine Kommunikation möglich. So könnten sich spontane Reisegruppen aus Waren mit ähnlichen Zielen bilden, prophezeite Timm.

Eine Reisegruppe ist auch die Schweizer Künstlergruppe Etoy. Seit 1998 residiert Etoy in einem mobilen, ausgebauten Schiffscontainer, der bei Bedarf zu wechselnden Veranstaltungsorten umgesetzt werden kann. Im Gegensatz zur etwas schal wirkenden Eigeninszenierung als entpersonalisierte WebAgenten standen die Visionen, die Etoy zur Zukunft der Standardisierung erörterte: In ein paar Jahren werde man bislang noch seriell und billig gefertigte Produkte wie Regale oder Sneakers in individualisierten Ausfertigungen erwerben können. Die globale Standardisierung scheint also komplementär verschränkt mit einem Trend zur Individualisierung.

Ein Spannungsfeld, in dem auch Bert Neumann, Chefbühnenbildner an der Berliner Volksbühne, seit Jahren arbeitet. All die Bungalows, Fertighäuser und Wohncontainer, die er vor allem für Castorf-Produktionen (wie „Dämonen“, „Meister und Margerite“ oder „Berlin Alexanderplatz“) auf die Bühne brachte, sind Teile einer ästhetischen Strategie, die die Darstellung der zunehmenden Standardisierung unserer Lebenswelt zum Ziel hat. Eine Zuspitzung, die letztlich vielleicht eine gegenteilige Entwicklung einleiten könnte, so hoffte Neumann.

Abgesehen von dramaturgischen und ästhetischen Strategien transportiert der Container soziale Realität auf die Bühne. Als standardisierte Baustellen-Wohnzelle hat er nicht nur in Berlin längst Einzug in das Stadtbild gehalten, sondern ist als billiges Baumodul beinahe überall anzutreffen, wie die Architektin Gesa Müller von der Haegen (HfG Karlsruhe) in ihrem Vortrag erläuterte. Aus architektonischer Sicht bleibe ihr der Erfolg des Containers allerdings ein Rätsel. Die Proportionen der Blechkiste seien zum Wohnen ungeeignet, es herrschten schlechte Lichtverhältnisse, und die Belüftung sei eine Katastrophe. Immerhin ein schlagendes Argument für die Verwendung der Blechbaracken gebe es: Sie sind mobil. Aus den sperrigen Kisten spreche die Vision einer nomadischen, freien Architektur, vermutetet von der Haegen.

Eine interessante Idee, die leider im krassen Widerspruch sowohl zur historischen wie auch zur aktuellen Verwendung des Containers als Wohnraum steht. Bei allen postmodernen Mobilitätssutopien darf man nicht vergessen, dass der Ursprung des Containers als mobile Wohneinheit in den transportablen Holzbaracken liegt, wie sie seit den dreißiger Jahren in Massenproduktion für die KZs der Nazis hergestellt wurden. Das zeigte der Historiker Axel Döbermann in einem knappen historischen Abriss.

Auch heute noch funktionieren Wohnbaracken weniger als Utopien, sondern vielmehr als transitorische Unorte. Ausländerbaracken sind solche temporären Außenposten der Gesellschaft, die Räume umreißen, die eigentlich gar nicht da sein wollen. Ein unwirtlicher, temporärer Zustand, der sein brutalstes Bild in den geheimen Verstecken findet, die sich Flüchtlinge zum Transit in die reichen Länder einrichten und bei der harten Überfahrt oft mit ihrem Leben bezahlen.

Wenn der Container also Ermöglicher und Verhinderer von Bewegung gleichermaßen ist, stellt sich die Frage nach dem Begriff von „Mobilität“, die wir mit ihm verbinden. Eine Antwort versuchte der Kulturjournalist und Migrationsexperte Mark Terkessidis in seinem abschließenden Beitrag zu geben. Das entscheidende Charakteristikum moderner Migration sei weniger die Bereitschaft zur Bewegung, als ein Zustand der Erstarrung, der anwesenden Abwesenheit: Wer seinen Arbeits- und Wohnraum in ein fremdes Land verlegt, ist immer noch Bürger seines Heimatlandes. Mit allen Rechten und auch der Motivation, sich zu engagieren.

Der Container, so die etwas ernüchternde Erkenntnis des Symposiums, steht für die freie Mobilität von Waren, nicht von Menschen.

Bild: © s_volenszki (via flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

veröffentlicht in : Autor, Süddeutsche Zeitung, Theorie

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