Smarte neue Welt?

1.09.2014

Immer mehr persönliche Daten werden gesammelt und ausgewertet. Das hat viele Vorteile und macht unser Leben immer effizienter. Doch in Wirklichkeit, sagen Kritiker, bezahlen wir einen viel zu hohen Preis dafür.

Wäre es nicht sinnvoll, wenn ein Mensch, der sehr auf seine Gesundheit achtet, weniger Krankenversicherungsbeiträge zahlte als jemand, der raucht, trinkt und sich zu wenig bewegt? Man müsste einfach nur genügend persönliche Daten zur Verfügung haben, um das zu belegen. Daten, die er vielleicht sogar selbst sammelt, zum Beispiel über ein hübsches Armband, das seine Schritte zählt und die Herzfrequenz misst. Und könnte es nicht sein, dass der ungesund Lebende sich dadurch motiviert fühlt, seinen Lebensstil zu verändern?

Es ist eine bestechende Logik, die aus solchen Szenarien spricht: Technologie kann uns helfen, die Welt zu verbessern. Wir brauchen nur genug Daten, und schon können wir die größten Probleme der Gegenwart in den Griff bekommen. Krankheiten, Kriminalität, Klimawandel – für alles gibt es einfache technische Erhebungsmethoden, mit deren Ergebnissen Lösungen erarbeitet werden können. Der Publizist und Politikwissenschaftler Evgeny Morozov schreibt in seinem Buch Smarte neue Welt: Digitale Technik und die Freiheit des Menschen, Google, Facebook und Apple hätten sich auf die Fahnen geschrieben, mit Daten die Welt zu retten. „Die Welt steht vor vielen wirklich großen Herausforderungen, und unser Unternehmen bietet die Infrastruktur dafür, diese Herausforderungen zu meistern“, zitiert er Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Orgie der Verbesserung

Allerdings bestehen nun genau an dieser Ideologie – Morozov nennt sie an anderer Stelle auch „Orgie der Verbesserung“ – schon seit einiger Zeit berechtigte Zweifel. So rosig man sich die Zukunft eines durch schicke Technik durchdesignten Daseins auch ausmalen möchte: Das Sammeln von Daten birgt große Risiken, auch wenn diese erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind.

„Eigentlich ist jede Form des Sammelns personenbezogener Daten eine Diskriminierungstechnik“, sagt Jan Philipp Albrecht, justizpolitischer Sprecher der Grünen Europafraktion. „Je mehr Informationen wir freigeben, desto eher ermöglichen wir es Dritten, uns ganz individuell einzuschätzen.“ Wer online einkauft, erhält teilweise Angebote, die speziell auf sein Profil zugeschnitten sind. „Mit der Schaffung umfassender und immer akkuraterer Persönlichkeitsprofile wird die Garantie der Gleichheit faktisch aufgehoben, denn dabei werden zu viele Anhaltspunkte für gerechtfertigte Ungleichbehandlung sichtbar.“

Dramatisch ist für Albrecht vor allem die Tatsache, wie hochautomatisiert, komplex und intransparent diese Profilbildungen schon heute vonstattengehen. Wer nicht weiß, welche persönlichen Daten zu welchen Zwecken gesammelt werden und welche Schlüsse man aus der Kombination dieser Informationen ziehen kann, droht, die „Kontrolle über seine eigene Persönlichkeit“ zu verlieren. Das könne im Extremfall dazu führen, dass Grundrechte wie die Demonstrationsfreiheit oder Meinungsfreiheit nicht mehr ausgeübt würden, weil man befürchten müsse, dass entsprechende Informationen zu massiven persönlichen Konsequenzen führten.

Post Privacy – brauchen wir ein neues Verständnis von Privatheit?

Damit dies aber nicht passiere, so Albrecht, müsse man darum kämpfen, dass das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, wie es das Bundesverfassungsgericht 1983 im berühmten Volkszählungsurteil formuliert hat, auch weiterhin wirksam bleibt. Dazu müssten sich auch Firmen wie Google oder Facebook auf diesen Datenschutz-Standard festlegen. Um sich dem zu entziehen, haben sie bisher ihre Europazentralen in jenen EU-Ländern untergebracht, in denen laxere Bedingungen herrschen. Genau dies soll eine neue, EU-weite Datenschutzverordnung leisten, an der in Brüssel, auch unter Mitwirkung von Albrecht, gerade gearbeitet wird.

Aber was genau heißt das für unseren Alltag? Ist informationelle Selbstbestimmung in einem Internet überhaupt noch möglich, in dem längst nicht mehr nur das öffentlich wird, was der einzelne explizit von sich preisgibt? Operieren wir nicht ohnehin schon längst mit einem neuen Begriff von Privatheit, der mit dem bürgerlichen Konzept eines Raums idyllischer Selbstfindung und Freiheit nur noch wenig zu tun hat?

Schlachtfeld der Superlative

Das Private als Ort des Für-sich-Seins und der Selbstverwirklichung, so schreibt der Autor und Blogger Christian Heller in seinem 2011 erschienenen Buch Post-Privacy, ist geschichtlich ein recht neues Konzept. „Erfunden“ wurde es im 19. Jahrhundert, als das Bürgertum begann, sich das eigene Heim als einen Ort der Freiheit gegenüber einem als totalitär empfundenen Staat zu schaffen. In den Epochen zuvor waren die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem längst nicht so trennscharf. Noch in den Bürgerhäusern der Renaissance „verschmolzen Familienhaushalt und das Wirtschaften mit der Straße zu einem geschäftigen Durcheinander“, schreibt Heller.

Heute, so die Anhänger der Post-Privacy-Bewegung, zu der sich auch Heller zählt, sind wir in einer Situation, in der sich unser Verständnis von Privatheit fundamental wandelt. Gerade weil wir immer mehr von uns preisgeben und davon auch immer mehr profitieren, so die Grundthese, ist die Privatsphäre, wie wir sie kannten, ein Auslaufmodell. Die totale Vernetzung unseres Lebens, so die Argumentation weiter, lässt sich ohnehin nicht mehr aufhalten. Doch das ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Wäre es nicht denkbar, dass ein Mehr an Daten über uns selbst und andere auch ein Mehr an Toleranz bedeuten könnte? Dass man, wenn man nur genug über jemanden weiß, auch die Wahrscheinlichkeit sinkt, negative – voreilige – Schlüsse zu ziehen?

Sollten wir uns also doch etwas mehr entspannen und nicht, wie die Datenschützer warnen, beim Verlust von Privatheit gleich vom schlimmsten Fall der totalen Datenüberwachung ausgehen? Oder liegt vielleicht genau hier das Problem: dass es sich so richtig anfühlt und der Nutzen so unmittelbar einleuchtet, wenn wir alle ein wenig Persönliches von uns preisgeben? Das Recht auf Datenschutz, so schreibt Jan Philipp Albrecht, wird zum „Schlachtfeld der Superlative zwischen den Menschen, einer regulierten Marktwirtschaft und der Demokratie auf der einen und den Maschinen, global agierenden Konzernen und Regierungen auf der anderen Seite“.

Erschienen auf www.goethe.de im September 2014

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2014