YouTube – Videoportale und ihre gesellschaftliche Bedeutung

23.05.2011

Videoportale und ihre gesellschaftliche Bedeutung

Ein Text für www.kinofenster.de, das Filmportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Ausgabe Juni 2011 widmet sich dem Film „Life in a Day“ (Kevin Macdonald 2011): Für den 24. Juli 2010 riefen Ridley Scotts Produktionsfirma Scott Free Films und YouTube alle Internet-User auf, ihren Alltag zu filmen und das Resultat ins Netz zu stellen. Die Privataufnahmen sollten als Rohmaterial für ein globales Filmprojekt dienen, das einen Einblick in das Leben der Menschen an diesem Tag gewährt. Die Frage ist, was kann der Film, was nicht, und auf welchen technologischen Grundlagen basiert er. Letzteres hab ich in einem kleinen Übersichtstext zusammengestellt:

Der Film „Life in a Day – Ein Tag auf unserer Erde (Kevin Macdonald, Großbritannien 2011)“ ist zweifelsohne ein beeindruckendes Experiment. Und zwar nicht nur aufgrund des hoch gesteckten Anspruchs, eine Momentaufnahme der ganzen Welt an einem einzigen Tag liefern zu wollen. 80.000 Amateurvideos aus allen erdenklichen Regionen hatte Regisseur Kevin Macdonald zur Verfügung. Life in a Day ist vor allem deswegen so interessant, weil er das Potenzial einer Technologie sichtbar macht, die gerade dabei ist, unseren Alltag grundlegend zu verändern.

Videoportale und die Internet-Community

Die Rede ist von Videoplattformen im Internet, also Webportalen, auf denen es möglich ist, eigene Aufnahmen einzustellen und auf diejenigen anderer Nutzer/innen zuzugreifen. Bis zu zehn Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet, so schätzen Experten/innen, werden mittlerweile von solchen Seiten generiert. Allein Marktführer YouTube, der auch für Life in a Day das Bildmaterial lieferte, verzeichnet einen Zuwachs des eigenen Videoarchivs von 35 Stunden pro Minute und mehr als zwei Milliarden Views am Tag, wie aktuelle Zahlen von Firmeninhaber Google belegen. Auch andere große Unternehmen investieren schon seit Jahren in den Aufbau YouTube-artiger Seiten im Netz. Die hierzulande zweithäufig genutzte Seite ist MyVideo, hauptsächlich finanziert von der ProSiebenSat.1 Media AG, gefolgt von Clipfish (RTL Group SA) und Sevenload, das erst kürzlich von Hubert Burda Media übernommen wurde.

Vom „Consumer“ zum „Prosumer“

Alle Portale haben eines gemeinsam: Sie wollen die Grundlagen schaffen für eine so genannte Internet-Community, also eine Art virtueller Gemeinschaft von Nutzern/innen, die konsumieren, interagieren, aber vor allem produzieren, also die für sie interessanten Inhalte selbst bereitstellen. Soziale Netzwerke (Social Networks) nennt man solche Zusammenschlüsse, zu denen neben YouTube und seinen Konkurrenten auch Webdienste wie Facebook oder Twitter gezählt werden. In der Regel werden hier bislang ausschließlich passive Konsumenten/innen zu aktiven, produzierenden Konsumenten/innen, die zwar vorgefertigtes Bildmaterial nutzen, aber immer häufiger auch interaktiv in das Geschehen eingreifen. Medienwissenschaftler/innen und Soziologen/innen sprechen von einem Wandel des „Consumers“ zum „Prosumer“.

Shows aus dem heimischen Jugendzimmer

Diese Mischung aus der Möglichkeit, selbst zu agieren und sich gleichzeitig mit einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu vernetzen, macht die Videoportale vor allem für jüngere Menschen attraktiv. Schon heute gibt es von Usern eigens produzierte Shows, oftmals mit nicht mehr als einer Webcam aus dem heimischen Jugendzimmer heraus aufgenommen, die beeindruckende Zuschauerzahlen generieren und eine rasant wachsende Fangemeinde zusammenhalten. So erreicht der junge Stuttgarter Sami Slimani (YouTube Name: „HerrTutorial“) mit seinen charmanten Ratgeberclips zu den Mühen eines Teenagerlebens regelmäßig 250.000 Nutzer/innen. „YTITTY“, drei fränkische Jungs, begeistern mit ihren Parodien ein Millionenpublikum. Und die Combo mit dem Namen „Die Aussenseiter“ verzeichnet eine Fangemeinde von 1,8 Millionen Mitgliedern.

Demokratisierung der Produktionsmittel?

Inwieweit solcher User-Generated Content (UGC), wie die Amateurvideos auch genannt werden, tatsächlich zu einer revolutionären Veränderung der Mediennutzung führen kann, ist freilich noch nicht abschließend geklärt. Solange – wie im Augenblick jedenfalls zu beobachten – die erfolgreichsten „YouTube-Stars“ die „Demokratisierung der Produktionsmittel“ vor allem dem Testen von Markenprodukten widmen und als Werbestars bereits hohe Monatsgehälter einstreichen, darf man zumindest skeptisch sein. Ganz abgesehen davon, dass UGC-Inhalte auch und immer häufiger zu unlauteren Zwecken genutzt werden. Viele User, selbst die YouTube-Stars, haben unter Cybermobbing-Attacken zu leiden, gezielten und oft hemmungslosen Beleidigungen, oftmals ausgehend von so genannten „Hatern“ (Neidern, Hassern).

Instrumente politischer Kommunikation

Woran allerdings kein Zweifel besteht, ist die immer größere Bedeutung der Videoportale als Instrumente politischer Kommunikation. Über die Rolle von Social-Media-Netzwerken für die jüngsten Revolutionen in Nordafrika und die Aufstände im Nahen Osten ist viel geschrieben worden. Auch wenn sich Medienwissenschaftler/innen und Journalisten/innen immer wieder darüber streiten, wie viel revolutionäres Potenzial denn nun wirklich in den relativ losen Bindungen einer Internet-Community steckt – aus dem journalistischen Alltag ist das oft brisante Videomaterial aus den Krisenregionen der Welt, das uns über Videoportale erreicht, nicht mehr wegzudenken. So sind über das Portal onsyria.com dutzende Amateurvideos von den aktuellen Ereignissen in Syrien abrufbar. Auf diese Weise ist es möglich, sich ein konkretes Bild von der Situation in einem Land zu machen, in dem ausländische Reporter/innen und Kamerateams nicht zugelassen sind – obwohl die Authentizität dieses Bildes natürlich nicht endgültig verifizierbar ist.

Live-Talks, politische Talkshows und Remix

Darüber hinaus hat sich die Kommunikation zwischen Politikern/innen und Wählern/innen stark verändert. Im Rahmen von Live-Talks bieten Politiker/innen immer öfter die direkte Interaktion mit ihrer YouTube-affinen Wählerschaft an. Fragen werden per Videoclips eingesandt, von den Usern selbst bewertet und in einer auf der Plattform ausgestrahlten Interviewsendung live beantwortet. Auch viele politische Talkshows nutzen mittlerweile diese Form der Bürgerbeteiligung. Eine andere, wenngleich urheberrechtlich problematische Form der Interaktion, stellt das ‚Remixen‘ online verfügbarer politischer Ansprachen dar. In den clever gemachten inhaltlichen Manipulationen werden oftmals brisante Themen satirisch kommentiert. Als vor vier Jahren der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble in einem Internetvideo den biometrischen Reisepass vorstellte, tauchte das Material kurz darauf mit einer veränderten Tonspur auf: Statt von erstrebenswerter persönlicher Sicherheit sprach er scheinbar von organisierter Kriminalität und Überwachungsstaat.

Die Frage der „Quasi-Öffentlichkeit“

„Videoportale sorgen insgesamt für mehr Transparenz in der Politik“, konstatiert auch Markus Beckedahl, Social-Media-Experte und Betreiber der Webseite netzpolitik.org. Es könne mittlerweile überall direkt gefilmt werden, egal ob es sich um einen verbal entgleister Minister handelt oder gewaltsame Ausschreitungen bei Demonstrationen, wie sie beispielsweise von Anhängern/innen der Stuttgart-21-Bewegung dokumentiert wurden. Bei allen Möglichkeiten, die die „gelebte Demokratie“ der sozialen Netzwerke im Internet bietet, sollte man sich dennoch über eines im Klaren sein: Die Öffentlichkeit, die Videoplattformen zur politischen Meinungsbildung anbieten, ist nur eine Quasi-Öffentlichkeit, „vergleichbar mit der privatisierten Öffentlichkeit eines Einkaufszentrums“ (Beckedahl). Welche Inhalte auf den jeweiligen Plattformen zu sehen sind, entscheidet letztlich immer der Betreiber.

Erschienen auf www.kinofenster.de am 23. Mai 2011.